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Energiewende selbstgemacht - Vitaregiotag im Ökospeicher PDF Drucken E-Mail

Windrad bei Wulkow02.10.11 Energie aus der Re­gion und für die Re­gion war das Thema des Vi­ta­re­gio­tags in Wulkow. Be­treiber von bür­ger­schaft­lich or­ga­ni­sierten An­lagen zur Er­zeu­gung er­neu­er­barer Ener­gien und an­dere Fach­leute aus der Branche be­rich­teten über ihre Er­fah­rungen. Zum Schluss wurde eine Neu­grün­dung vor­ge­stellt: In der Mär­ki­schen Bür­ge­r­ener­gie­ge­nos­sen­schaft sollen sich noch mehr Men­schen für Ener­gie­pro­jekte in der Re­gion en­ga­gieren können.

 

Wenn das Windrad nervt - Er­fah­rungen aus der Ucker­mark

"Wenn Dich das Windrad vor der Tür nervt, kauf es doch!"  Was sich die Gast­geber vom Wul­kower Ökospei­cher als flap­sige Über­schrift für ihren Vi­ta­re­giotag ein­fallen ließen, war für Dirk Eh­lert tat­säch­lich ein An­trieb, aktiv zu werden. Im ucker­mär­ki­schen Frau­en­hagen or­ga­ni­sierte er 1993 eine der ersten Wind­kraft­an­lagen der Re­gion - als bür­ger­schaft­li­ches Pro­jekt. Zehn Mi­tei­gen­tümer hat Eh­lert für die GbR ge­winnen können, die seit Jahren sta­bile Er­träge pro­du­ziert. Die Frau­en­ha­gener, er­zählt Elek­tro­in­ge­nieur Eh­lert, waren zu­nächst skep­tisch. Ein Windrad, das nur 450 Meter vom Haus ent­fernt steht, kann na­tür­lich stö­rende Ge­räusche ma­chen. "Jetzt sind die Leute eher un­ruhig, wenn sie das Windrad nicht hören". Als Jahre nach dem Start der Wind­kraft­an­lage auch noch die Zu­fahrts­s­traße den Namen "Am Windrad" bekam, da waren Eh­lert und seine Mit­streiter schon ein biss­chen stolz. Eh­lert plä­dierte lei­den­schaft­lich für sein Mo­dell bür­ger­schaft­lich or­ga­ni­sierter Ener­gie­an­lagen. Ak­zep­tanz und Ein­fluss­mög­lich­keiten für den Standort seien höher.

 

Warum ma­chen es die Bür­ger­meister nicht selbst?

Das be­stä­tigt auch Rü­diger Rietzel von der Re­gio­nalen Pla­nungs­stelle Oder­land-Spree. Die Ein­rich­tung ist zu­ständig für die Aus­wei­sung von Flä­chen für die Wind­kraft­nut­zung in Mär­kisch-Oder­land, Oder-Spree und Frank­furt. Rietzel be­schrieb die Si­tua­tion sinn­gemäß so, dass sich immer wieder ein­zelne Grund­stücks­ei­gen­tümer an ihn wenden und darum bitten würden, ihre Flä­chen als wind­kraft­ge­eignet aus­zu­weisen. Die An­lagen würden dann je­doch in aller Regel an­dere er­richten. Nach Riet­zels An­sicht könnte hier we­sent­lich mehr Geld in der Re­gion bleiben. „Wenn die Bürger da sind, die ihre Flä­chen zur Ver­fü­gung stellen – warum finden die sich nicht zu­sammen?“  Auch die Bür­ger­meister wüssten oft nicht, dass sie das Ge­schäft doch selbst ma­chen könnten.

In der Tat sei in dieser Hin­sicht schon die eine oder an­dere Chance ver­passt worden, er­gänzte Rainer Schinkel (SPD), Wirt­schafts­bei­ge­ord­neter des Land­kreises Mär­kisch-Oder­land.

Rü­diger Rietzel ging nach An­fragen aus dem Pu­blikum auch auf das Thema Ab­stands­flä­chen ein. Wäh­rend Eh­lerts „Bür­ger­wind­rad“ mit seinen 40 Me­tern Na­ben­höhe nach heu­tigen Maß­stäben eher eine Mi­ni­an­lage ist, sorgen die großen Wind­räder immer wieder für Ver­är­ge­rung und An­woh­ner­pro­teste. Auf die Frage, ob es denn stimme, dass trotz der 1000-Meter-Emp­feh­lung des Land­tags viel nä­here An­lagen ge­plant würden, stellte der Planer drei Zonen vor, mit denen bei der Aus­wei­sung ge­ar­beitet würde: 500 Meter um das Windrad seien eine Ta­bu­zone, die durch die Recht­spre­chung weit­ge­hend ab­ge­si­chert sei. 1000 Meter seien der emp­foh­lene Ab­stand zu be­wohnten Sied­lungs­flä­chen. Da­zwi­schen je­doch gebe es eine so­ge­nannte Re­strik­ti­ons­zone. Flä­chen könnten dort aus­ge­wiesen werden, wenn keine nen­nens­werten Stö­rungen zu er­warten sind – wenn zum Bei­spiel kaum eine Sicht­ver­bin­dung be­steht.

 

Erste Bür­ger­so­lar­an­lagen

Ein wei­terer Pio­nier bür­ger­schaft­lich be­trie­bener Ökostro­man­lagen in Bran­den­burg ist Mi­chael Jung­claus. Der bün­di­nis­grüne Land­tags­ab­ge­ord­nete be­rich­tete über seine Er­fah­rungen bei der Grün­dung der ersten Bür­ger­so­lar­an­lagen in Neu­en­hagen und Hop­pe­garten vor mehr als zehn Jahren. Es gab kei­nerlei Mus­ter­ver­träge, er­zählte Jung­claus. Zu den Über­ra­schungen ge­hörte für ihn die Er­kenntnis, dass selbst re­lativ neue Dä­cher von der Statik her nicht für den Ein­satz von Pho­to­vol­taik-An­lagen be­rechnet wurden. Mit der Folge, dass nicht nur das Ver­trags­recht son­dern auch das Bau­recht eine Hürde dar­stellen kann. Ebenso schwierig war die Grün­dung eines bür­ger­schaft­lich be­trie­benen Block­heiz­kraft­werks in einem vor­han­denen Miets­haus. Jung­claus ent­schied sich für die Rechts­form einer GbR, die das BHKW mietet. Mitt­ler­weile gibt es für Gründer eine Reihe von Mus­ter­ver­trägen – ab­rufbar unter an­derem unter http://www.so­lar­verein-berlin.de/wir.htm.

Jung­claus ver­wies darauf, dass sich auch übers Ener­gie­sparen po­si­tive Ef­fekte für die Re­gion er­zielen lassen. 2007 ini­ti­ierte er das Pro­jekt Fifty-Fifty an zu­nächst fünf Schulen in Mär­kisch-Oder­land. Schüler, Lehrer, Haus­meister wurden zum Ener­gie­sparen mo­ti­viert, in dem den Ein­rich­tungen die Hälfte der Ein­spar­summe zur freien Ver­fü­gung ge­stellt wurde. Ein­spar­ef­fekt al­lein in einem Schul­jahr: 36.000 Euro.

 

An­re­gungen aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern

An­drea-Liane Span­gen­berg nutzte das Po­dium, um ihren Verein Bio­ener­gie­dorf-Coa­ching Bran­den­burg vor­zu­stellen. In­spi­riert wurde der Verein durch po­si­tive Er­fah­rungen aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern, wo das Land Mittel für eine Be­ra­tungs­struktur be­reit­ge­stellt hatte. In dem Verein ar­beiten unter an­derem Energie-, Jura- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­profis zu­sammen, um Dörfer auf dem Weg zum echten Bio­ener­gie­dorf zu un­ter­stützen.

 

Mär­kisch-Oder­land auf dem Holzweg

Heiner Grie­nitz vom Ener­gie­büro Mär­kisch-Oder­land be­schrieb, wie sich Mär­kisch-Oder­land als Bio­ener­gie­re­gion auf den Holzweg be­geben hat. Die Idee be­steht darin, bis­lang un­ge­nutzte Holz­re­serven, das etwa bei der Wald­pflege oder beim Al­leen­schnitt bei den Stra­ßen­meis­te­reien an­fällt, als CO2-neu­trale Ener­gie­quelle zu nutzen. Mit dem im Ökospei­cher Wulkow an­säs­sigen Netz­werk Bio­fest­brenn­stoff ist es ge­lungen, neue Wert­schöf­pungs­ketten und sta­bile Lie­fer­be­zie­hungen auf­zu­bauen: Vom Brenn­stoff­händler und Pro­du­zenten über Planer und In­stal­la­teure bis zum An­la­gen­be­treiber. In Wald­sie­vers­dorf ent­stand ein Brenn­stoffhof; ein re­gio­nales Qua­li­täts­siegel soll Nach­hal­tig­keit und Qua­lität ga­ran­tieren. Grie­nitz räumte je­doch ein, erst am An­fang des Holz­wegs zu stehen. Seiner An­sicht nach müsse noch sehr viel mehr Öf­fent­lich­keits­ar­beit ge­leistet werden, um Um­steiger von alten Heiz­an­lagen für den Holzweg zu ge­winnen.

 

Bür­ger­netz­werk - ein Nach­bar­schaft­s­er­lebnis

Martin Merk vom Ökospei­cher be­schrieb zu­nächst die Ar­beit des Bür­ger­netz­werks Wulkow. Die vor fünf Jahren ge­grün­dete GbR lebt von einer Holz­pel­lethei­zung im Spei­cher­anbau, die außer dem Ökospei­cher noch vier um­lie­gende Ge­bäude mit Wärme ver­sorgt. Eine Ver­stro­mung lohne sich bei der ge­ringen Ab­neh­mer­zahl noch nicht, sollte aber un­be­dingt bei ähn­li­chen Vor­haben ge­prüft werden. Eine Vor­gän­ger­firma wurde 1995 als kom­mu­nale GmbH ge­gründet – was Martin Merk heute nicht mehr tun würde, da Ge­mein­de­zu­ge­hö­rig­keiten und po­lit­sche Kon­stel­la­tionen rasch wech­seln können.

Ei­ner­seits sei der Be­trieb so einer Bür­ge­r­an­lage ein nach­bar­schaft­li­ches Er­lebnis. Zahl­reiche Ei­gen­leis­tungen würden die Kosten senken. An­de­rer­seits muss auch be­dacht werden, dass ein Re­ser­ve­system in Form eines Gas­kes­sels vor­ge­halten werden muss, um Aus­fälle zu ver­meiden. Mit einem Brut­to­preis 10 bis 12 Cent konnte die GbR in sechs Jahren al­ler­dings sta­bile Preise halten.

 

Neue Ge­nos­sen­schaft will lokal in­ves­tieren - und ver­dienen

Mit der Grün­dung der Mär­ki­schen Bür­ge­r­ener­gie­ge­nos­sen­schaft gehen Merk uns seine Mit­streiter nun noch einen Schritt weiter. Das Po­ten­zial er­neu­er­barer Ener­gien und des ra­tio­nellen Ener­gie­ein­satzes werde wegen der hohen An­fangs­in­ves­ti­tionen nicht aus­ge­nutzt, be­schreibt Martin Merk den Aus­gangs­punkt. Bei der Her­stel­lung er­neu­er­barer Ener­gien werden di­rekt Be­trof­fene häufig nicht mit ein­be­zogen. Die Folge sind Ak­zep­tanz­pro­bleme. Zu oft fließen die Ge­winne aus der Re­gion ab, so Merk. Zudem gehe es darum, dem zu­neh­menden Flä­che­n­er­werb durch Großin­ves­toren ohne lo­kalen Bezug etwas ent­ge­gen­zu­setzen. Die Ge­nos­sen­schaft biete sich als Mo­dell an, weil sie part­ner­schaft­lich or­ga­ni­siert ist und nicht „ ge­ka­pert“ werden kann. Jedes Mit­glied habe die glei­chen Rechte un­ab­hängig vom ein­ge­zahlten Ka­pital – Min­de­stein­lage 500 Euro. Für ihren Be­trieb hat sich die Ge­nos­sen­schaft fol­gende Grund­sätze au­fer­legt:

          Nur an­ge­passte und so­zial ver­träg­liche, de­zen­trale Pro­jekte

          Alle In­ves­ti­tionen und Be­tei­li­gungen in der Re­gion mit Be­tei­li­gung re­gio­naler Fach­un­ter­nehmen

          Nach­hal­tig­keit, öko­lo­gi­sche und so­ziale Aus­rich­tung haben Vor­rang vor Ge­winn­ma­xi­mie­rung*

          Un­ter­stüt­zung der po­si­tiven Ent­wick­lung von Stadt-Land-Be­zie­hungen

* Bei PV-An­lagen Ein­satz von Mo­dulen aus ost­deut­scher Pro­duk­tion (ca. 2% Ren­di­te­ver­zicht ge­gen­über chi­ne­si­schen Mo­dulen)

Die Ge­nos­sen­schaft will zu­nächst Pho­to­vol­taik­an­lagen auf zwei Wul­kower Stall­ge­bäuden er­richten. Wei­tere Pro­jekte könnten in der So­lar­thermie und bei Holz­hei­zungen liegen. Zur nach­hal­tigen Be­wirt­schaf­tung könnten auch Flä­chen aus Land- und Forst­wirt­schaft er­worben werden. Wei­tere Infos über die Ge­nos­sen­schaft und zu Be­tei­li­gungs­mög­lich­keiten unter www.mbeg.eu.

 

 

 

 
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